Mortuarium im Domkreuzgang Regensburg

Digitales Aufmaß der Westwand des Mortuariums des Regensburger Domkreuzganges.

Beteiligte am Projekt:

Michael Bender, Oliver HauckAndreas Noback, Thomas Scholz, Dr. Helge Svenshon

Jahr:

2000

Projektpartner:

TU-Darmstadt GTA, Dombauamt Regensburg, Heidelberger Druck, Expo 2000

Publikationen:

  1. Kirschner, Jasmin: “Der Domkreuzgang ist wie ein riesiges Universum”, Artikel in der Mittelbayrischen Zeitung vom 21./22. Oktober 2000

Ausstellungen:

  1. sichten ’99, Darmstadt 1999
  2. sichten mm, Darmstadt 2000

Der Domkreuzgang zu Regensburg

Im Rahmen des EXPO 2000-Projektes der Sanierung des Regensburger Domes wurde festgestellt, dass vom Domkreuzgang keinerlei verformungsgerechte Pläne existierten, die die Grundlage für eine Sanierung bilden könnten.

Das Mortuarium

Das Mortuarium ist eine überdachte Prozessionsstraße, die den Domkreuzgang in zwei Teile teilt und die Kapellen mit dem Haupteingang verbindet. Architektonisch interessant ist die paradoxe räumliche Situation, dass nämlich der Hof des Kreuzganges der gedachte Innenraum und der überwölbte Innenraum der eigentliche Außenraum – nämlich der Prozessionsweg – ist. Diese markante räumliche Situation entsand durch die Tatsache, dass die durch das Mortuarium erschlossenen Kapellen mit ihre Außentüren eben dahin weisen. Dieser Effekt wurde durch die außergewöhnliche Fenstergestaltung in einem Übergangsstil zwischen Gotik und Renaissance noch verstärkt: die nach innen weisenden Fensterseiten sind wie Außenansichten gestaltet.

Die Bauaufnahme

In zwei einwöchigen Aufmaßkampagnen durchgeführt von Dr. Ing. Helge Svenshon im Jahr 2000 wurde mit Architekturstudentinnen und -studenten der Technischen Universität Darmstadt (Fachgebiet Geschichte und Theorie der Architektur, Prof. Dr. Ing. Werner Durth) wurde der Regensburger Domkreuzgang mit den traditionellen Methoden der Bauaufnahme in Grundrissen, Ansichten und Schnitten erfasst.

Die herkömmlichen Methoden des verformungsgerechten Bauaufmaßes stießen jedoch im Mortuarium an ihre Grenzen. Die Fenstergewände bestehen aus einer Fülle von skulpturalen Elementen, die durch Senkung des Baugrundes und Verformung der Wände zudem schief und verschoben sind. Die herkömmliche Methodik des Aufmaßes Punkt für Punkt hätte bei derart komplexen Bauelementen erheblich Zeit in Anspruch genommen. Nicht umsonst gab es bisher keine genauen Aufzeichnungen dieser Fenstergewände.

Durch die enge Zusammenarbeit des Rechnerpools des Fachbereiches Architektur der TUD mit der Firma Heidelberger Druckmaschinen, damals auch Hersteller von High-End Scannern und des digitalen Kamerarückteils Colorcam, ergab sich die Gelegenheit diese Technologie für Zwecke der Bauaufnahme zu erproben und in Regensburg einzusetzen.

Die Colorcam-Technologie verbindet das digitale Mittelformat-Rückteil per Lichtwellenleitkabel direkt mit dem Computer, wo eine ursprünglich für Scanner entwickelte Software diese Rohdaten sofort entwickelt. Dies ermöglicht die Kalibrierung der Kamera auf die jeweiligen Lichtverhältnisse, d.h. dass im Falle der Aufnahme der Westwand des Mortuariums mit der Messpipette der Bildbearbeitungssoftware die vom Umgebungslicht bereinigten Farbwerte der aufgenommenen Materialen gemessen werden können.

Die digitale Erfassung

Die herbstliche Lichtsituation erforderte den Einsatz von Scheinwerfern zur Ausleuchtung der zu fotografierenden Bereiche. Trotz Verwendung einer Mittelformatkamera des Typs Mamiya 645 mit einem Weitwinkel-Shiftobjektiv, konnte wegen der Größe des optischen Chips des Camerarückteiles pro Aufnahme nicht ein ganzes Fensterjoch erfasst werden.

Die Kamera musste mit Hilfe eines Gerüstes auf etwa drei Meter Höhe über dem Boden positioniert werden, um die perspektivische Verzerrung möglichst gering zu halten. Durch Shiften wurde die Ansicht dann jeweils noch oben und unten verschoben. So entstanden pro Joch und Gewölbedienst drei – also insgesamt 21 – Aufnahmen, die am Ende zu einem großen Gesamtbild zusammen gesetzt wurden.

Die Vermessung

Die Vermessungsarbeiten für den verformungsgerechten Grundriss waren bereits in der ersten Aufmaßkampagne per traditionellem Handaufmaß durchgeführt worden. Auf dieser Grundlage wurden zunächst mit einem elektronischen Tachymeter die späteren Kamerastandpunkte eingemessen und markiert.

Pro Bild wurden dann mindestens drei Mess- und Kontrollpunkte dreidimensional erfasst und als Punktwolke in einem CAD-Programm gespeichert.

Die Nachbearbeitung und das Ergebnis

Die Punktwolke im CAD-Programm wurde dann in eine Ansicht der fotografierten Bildebene umgewandelt und als 2d-Vektorzeichnung exportiert. Mit Hilfe dieser Ansicht wurden dann die Einzelbilder perspektivisch Entzerrt und maßstäblich skaliert. Die 21 entzerrten Einzelbilder wurden dann im Maßstab 1:5 zusammen montiert. Aufgrund der Kalibrierung der Kamera musste in der Nachbereitung keine Farbliche Anpassung der Einzelbilder erfolgen – es darf auch keine Farbkorrektur erfolgen, da dies die gemessenen Originalfarben sind!

Fazit

Leider war das Zeitfenster für die Kampagne sehr kurz, so dass – auch aufgrund des Zeitverlustes durch den Auf- und Abbau des Gerüstes für die Kamera – leider nur die Westwand aufgemessen werden konnte. Die nicht minder interessante Ostwand des Mortuariums ist weiterhin undokumentiert. Die Entwicklung größerer optischer Chips erfordert mittlerweile wesentlich weniger Aufnahmen und führt so zu einer erheblichen Beschleunigung dieser Methode, die sich alles in allem bewährt hat.

Weblinks

 

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